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Von kreativitätsfördernder Sprachlosigkeit – eine Woche in Povazska Bystrica (Nils)

,,Krankenschwestern haben einen schweren Job – sie müssen sexuelle Belästigungen von alten Rentnern tolerieren.“ ,,Die Nachbarin sieht schön aus, der Vater verliebt sich und dann haben sie Stiefkinder.“

Dies waren nur einige der Ideen und Entgleisungen, die wir von Schülern in der Handelsakademie in Považska Bystrica zu hören bekamen. Es sind aber auch einige ,,Kunstwerke´´ entstanden…

 

Vom 12.12. bis zum 16.12. wurde in der Wirtschaftsakedemie in Považska Bystrica eine ,,Sprachwoche“ veranstaltet. Verschiedene Klassen hatten dabei jeden Tag 5 Stunden Unterricht in einer Sprache, beispielsweise in Deutsch. Katrin und ich wurden eingeladen, als Muttersprachler eine dieser Klassen zu übernehmen. Zusammen mit Steffi, der Frau unseres Chefs, die selber Deutsch ist, haben wir also zusammen den Unterricht vorbereitet – ohne jedoch wissen zu können, was uns tatsächlich erwartet.

Unsere Klasse war eine dritte Klasse*, die Schüler also im Schnitt etwa 17 Jahre alt, also fast gleichalt wie wir (weshalb wir auf dem Titelbild eher wie Mitschüler aussehen). Kann das denn gut gehen? Offiziell waren es 16 Schüler, anwesend waren aber immer nur 10-12 Schüler. Zu jeden Tag hatten wir ein Thema, wozu wir verschiedene Diskussionen und Aktivitäten vorbereiteten. Die Idee war nicht, dass wir Ihnen viel Neues beibringen, sondern dass sie hören, wie Muttersprachler sprechen, selber Deutsch sprechen (und das ließ sich bei unseren Slowakischkenntnissen für sie nur schwer vermeiden) und ihr Wortschatz etwas erweitert wird. Im nächsten Schuljahr sollen sie ja schon Abitur machen…

 

Montag:

Es sind etwa ein Dutzend Schülerinnen anwesend und ein Schüler. Wir stiegen zunächst mit klassischen Aktionen zum Kennenlernen ein, besprachen Erwartungen  und Befürchtungen und starteten auch schon bald mit unserem ersten Thema: Familie.

Dafür sollten die Schüler zuerst Wörter sammeln, die ihnen zum Thema einfielen, anschließend gab es einen Lesetext und ein paar weitere Aktivitäten. Immer wieder hatten wir es jedoch Verständigungsproblemen zu tun, da die Schüler selber nicht so gut Deutsch beherrschten. Auch waren die Schüler sehr still und zurückhaltend, haben sich prinzipiell nie gemeldet (was in einer Oberstufe, wenn es nicht gerade ein ,,Abdecker“ ist, doch eigentlich nur schwer vorstellbar ist) und wenig Eigeninitiative gezeigt. Immerhin haben sie aber keine Ambitionen gehegt, den Unterricht zu stören. Sie waren wohl noch ein wenig eingeschüchtert von der neuen Situation. Dennoch arbeiteten sie einigermaßen mit und waren sogar manchmal kreativ (siehe zweites Zitat oben) – kein Vergleich zu dem, was noch kommen sollte…

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Dienstag:

Was tut man, wenn man als Lehrer Fragen ans Plenum stellt und diese nur mit einem Schweigen beantwortet werden? Wenn der Ideenhorizont der Schüler sich nicht über den vorliegenden Arbeitsblättern hinaus bewegt (abgesehen davon, dass Krankenschwestern anscheinend sehr viel hinnehmen müssen, siehe dazu Zitat oben)? Starr weiter machen, unbeeindruckt sein? Ideale über Bord schmeißen und Zeit totschlagen, absitzen und ausharren?

Für jeden Lehrer wahrscheinlich eine alltägliche Herausforderung, für uns jedoch der Beinahe-Super-GAU: Die ersten drei Stunden war es beinahe unmöglich, die Schüler zu einer Diskussion, wie es geplant war, anzuregen. Thema waren Berufe, es kam jedoch keine Eigeninitiative und in der Regel auch keine wirkliche Reaktion, auch wenn man Schüler direkt dran nahm. Und selbst wenn gelegentlich ein Auflockerungsspiel gespielt wurde, wurde dies nur mit mäßiger Begeisterung hingenommen. Mehr und mehr gerieten wir in die Spannung zwischen den Idealen, die wir eigentlich hatten und dem Realismus, krampfhaft die Zeit totzuschlagen. Die Frustration war teiwleise so groß, dass jegliche Lust verloren ging, sich überhaupt noch Mühe zu geben. Höhepunkt war übrigens die Diskussion über Berufe, aus der das oben genannte Zitat stammte.

Unsere vorläufige Antwort auf diese Herausforderung war mehr Gruppenarbeit ab der vierten Stunde. Damit hatten die Schüler mehr Zeit, sich vorzubereiten und wir etwas mehr Puffer yum Planen und Improvisieren. Tatsächlich ging unsere Strategie auf und die Schüler wurden sogar etwas aktiver(und dass nicht nur auf Facebook).

 

Fehlender Wortschatz kann durchaus kreativ machen
Fehlender Wortschatz kann durchaus kreativ machen
Gruppenarbeit sollte unsere vorläufige Lösung sein.
Gruppenarbeit sollte unsere vorläufige Lösung sein.

Mittwoch:

Es wurde Zeit, Veränderung zu schaffen. Ein ,,zweiter Dienstag“ hätte uns alle Nerven gekostet. Daher ließen wir in der ersten Stunde die Schüler kurz reflektieren, was ihnen gefallen hat und was nicht (siehe Foto).

Unsere Konsequenzen: Der reine Frontalunterricht und Diskussionen waren nun für immer aus dem Programm verbannt, Spiele, Gruppenarbeit, Rollenspiele und Interviews angesagt, Lesetexte immerhin beibehalten.

Und überraschenderweise verlief daraufhin der Tag sehr erfolgreich! Die Schüler arbeiteten gut mit und ließen sich auf vieles ein. Eigeninitiative ywar nach wie vor noch ein Fremdwort,aber solange die Atmosphäre gut ist und die Schüler sogar Mühe geben…

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Donnerstag

Ähnlich wie am Mittwoch arbeiteten die Schüler gut mit und ließen sich aufs Programm ein, und zwar so gut, dass wir uns sogar dazu hinreißen ließen, zwei von ihnen eine Stunde auf Slowakisch zu gestalten (Bedingung war aber, dass jeder Schüler ein bisschen Deutsch sprechen sollte). Das Thema für den Tag war Reisen, so wurde am Anfang ,,der Koffer gepackt“, Gespräche im Reisebüro simuliert, man braucht ja ein Ziel zum Reisen, und anschließend wurde mal wieder eine Abenteuerfahrt in die deutsche Sprache unternommen.

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Auch die Geschmacksnerven reisen mit!
Auch die Geschmacksnerven reisen mit!

Freitag

Die erste Stunde übernahmen die beiden Schülerinnen, die die ,,Slowakischstunde“** vorbereiten sollten: Es wurde Tabu gespielt, ein paar Übungen gemacht und, da als Thema ,,Vianoce“*** ausgesucht wurde, auch ,,Ticha noc“**** gesungen.

Die nächsten Stunden waren ebenfalls locker gestaltet (zwei Spiele von Schülern auf Deutsch vorbereitet sowie einfachere Aufgaben), Thema war Sport. Am Ende reflektierten wir mit den Schülern über die Woche und wurde ebenfalls nochmal eine große Runde Tabu gespielt, sogar mit einem großen Preis!

Auch der visuelle Lerner sollte nicht zu kurz kommen
Auch der visuelle Lerner sollte nicht zu kurz kommen

Insgesamt war es eine interessante Erfahrung, mal dauerhaft in der ,,Lehrerrolle“ zu sein, auch wenn sich unsere Rolle hinsichtlich der eines echten Lehrers doch um einiges unterschied. Wir standen nicht unter Zeitdruck, bestimmte Themen abzuarbeiten und waren daher flexibler. Mir fiel es mit der Zeit leichter einzuschätzen, wo ich  improvisieren kann und wo ich wirkliche Vorbereitung brauche. Dabei hat mir die Frustration am Dienstag viel weiter geholfen, da nun mein Ehrgeiz geweckt war, eine Wiederholung eines solchen Desasters zu vermeiden. Die Vorbereitung wurde von Tag zu Tag effizienter (und besser auf die Schüler abgestimmt), und ich im Umgang mit den Schülern, was der Gebrauch von Autorität betrifft, immer weniger zimperlich (zuvor waren wir da etwas unsicher, da wir keine echten Lehrer sind und der Altersunterschied nicht sehr groß ist). Autoritär ist unser Unterricht dann aber letztendlich doch nicht geworden.

Anmerkungen:

*Die Grundschule geht in der Slowakei von der 1. bis zur 9. Klasse, ab der 10. Klasse wird wieder von vorne gezählt, heißt, die 10. ist die ,,erste“ Klasse, die 11. die ,,zweite“ usw.. Nach der 9. Klasse gehen die Schüler auf eine weiterführende Schule, was eine Sprachschule (Englisch-Slowakisch), ein normales Gymnasium oder eben auch eine Handelsakademie sein. Je nachdem, was für eine Schule besucht wird, dauert die Oberstufe vier oder fünf Jahre. Ein Selektionssystem, wie wir in Deutschland haben(/hatten), gibt es hier in der Slowakei so nicht.

**Offiziell war es immer noch eine Deutschstunde!!!

***Slowakisch für Weihnachten

****Auch Slowaken singen zu Weihnachten gerne von der ,,Stillen Nacht´´

 

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