Krakau – Benjamin

Vor etwas einer Woche waren Chris und ich für 3 Tage in Krakau, Polen. Nur zum Besuch versteht sich. Wir konnten an unseren beiden  freien Tagen in der Woche noch einen ranhängen und haben die Gelegenheit gleich beim Schopfe gepackt.

An einem schönen Sonntag Morgen ging es los. Chris und ich machten uns auf zu dem Bahnhof in Dolny Kubin auf, wo uns der Bus erwarten sollte. Es stellte sich allerdings heraus, das der Begriff Bus etwas zu weit gegriffen war. In dem Sprinter, der uns direkt nach Košice brachte, befanden sich neben dem Fahrer noch ein weitere Passagier (ein Mann aus Kalifornien, der gerade Europa bereiste). Die ganze Fahrt gestaltete sich so angenehm persönlich und durch die Anwesenheit des Amerikaners (der schon das eine oder andere Klischee bediente) war es zudem interessant und vor allem sehr witzig.

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der Marktplatz

Als wir in Krakow bei wunderschönem sonnigen Herbstwetter ankamen, war es noch zu früh zum Einchecken und wir sind gleich auf den Marktplatz getiegert. Dort haben wir nach einem guten Burger spontan an einer „Free-Walking-Tour“ teilgenommen. Für die das nicht kennen, das ist eine kostenlose Stadtführungen, die von unabhängigen Gruppen organisert werden und bei der man am Ende dem Führer so viel Trinkgeld gibt wie man möchte. Eine Philosophie die mir sehr gefällt. Die Stadtführung drehte sich um das jüdische Viertel in Krakau und wir hatten das Glück von einer Führerin geführt zu werden, die in Krakau jüdische Kultur studiert hatte. Im folgenden ein kleiner historischer Abriss über die jüdisches Leben in Krakow, wem das zu viel ist, guckt sich einfach die Bilder an.

Das jüdische Viertel mit dem Namen Kazimierz war früher eigentlich eine eigene Stadt. Sehr viele Juden aus unterschiedlichsten Teilen der Erde haben sich hier angesiedelt. Polen war bekannt für seine „Weltoffenheit“ und Toleranz anderer Religionen (beispielsweise nahm Polen nicht an den Kreuzzügen teil) und daher sehr attraktiv für Juden, die doch in überwiegenden Teilen Europas verfolgt wurden. Dementsprechend viele kamen auch nach Krakau. Jede Gemeinde unterschiedlichen Unrsprungs baute praktisch ihre eigene Synagoge, wehalb in diesem Viertel auch sehr viele davon zu sehen sind. Unter anderem steht hier auch die älteste Synagoge Polens (die aber eigentlich relativ unspäktakuler aussah).

Bei der Führung kamen wir auch bei der Remuh-Synagoge vorbei. IMG_7029

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Ein Schild, das bestimmte Israelische Austauschschüler bestimmt alle drei mal fotografiert hätten.

Sie ist nach dem für die jüdische Kultur sehr wichtigen Rabbi Moses Isserles benannt, der in dieser Synagoge amtierte und nicht weit von ihr begraben liegt. Moses Isserles ist Autor vieler für das Judentum wichtiger Werke und noch heute pilgern viele Juden hier her.

Um 1800 wurde Kazimierz an Krakow angegliedert und wurde so zu einem Stadtteil Krakaus.

Später, unter der deutschen Besetzung wurden alle Juden, die in Kazimierz lebten, in das jüdische Ghetto auf die andere Seite der Weichsel umgesiedelt. Die Bevölkerung, die dort davor gelebt hatte, wurde ebenfalls umgesiedelt. Man fragt sich zu Recht wieso dieser Aufwand der Umsiedlung auf sich genommen wurde, jedoch empfanden die Nazis das jüdische Viertel zu dicht am Stadtzentrum Krakaus, weshalb die Juden lieber auf die andere Seite der Weichsel verfrachtet wurden. Schließlich bildete Krakau das Zentrum des Generalgouvernement und sollte eine „ganz deutsche“ Stadt sein. Das ist auch der Grund warum Krakau im Krieg nicht zerstört wurde und sehr gut erhalten ist.

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Der Depotationsplatz – das Bild zeigt nur einen sehr kleinen Ausschnitt

Von diesem Platz aus wurden die Juden dann in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Die Stühle, die heute als Denkmal auf dem Platz stehen, sollen an die vielen Menschen, die dort gewartet haben, erinnern. Jeder Stuhl steht für 1000 Opfer.
Nach dem Krieg ist das heruntergekommene Viertel Kazimierz wieder zu neuem Leben geweckt worden, als Steven Spielberg Teile seines Films „Schindlers Liste“ hier drehte.

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Hier zum Vergleich, Screenshot aus dem Film und der Hof heute. Ich hab mich richtig wie an einem historischen Ort gefühlt, bis mir aufgegangen ist, dass das ja nur der Drehort war…

Für die Dreharbeiten wurden nämlich viele Häuser renoviert und in „typisch jüdische“ Häuser umgewandelt.

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das „jüdische Disneyland“

Viele Touristen besuchten das Viertel, um die Drehorte zu besichtigen und um diesen auch ambiente Gastronomie zu bieten, eröffneten viele Restaurants mit „orginal jüdischem Essen“ (wobei auf der Karte sicher auch das eine oder andere Mal auch Schweinefleisch zu finden ist). Alles in allem kann man dieses Viertel – wenn man möchte – als jüdisches Disneyland bezeichnen. Dennoch, Spielberg und den Gastronomen sei dank; denn eine Besichtigung Kazimierz ermöglicht  einem; einen ganz guten Eindruck von jüdischem Leben vor dem Holocaust zu gewinnen. Schließlich lebten in Krakau 1910 einst 30 000 Juden, die etwa 20% der Bevölkerung ausmachten – heute sind es noch schätzungsweise 500. 2 Synagogen werden in Kazimierz übrigens noch genutzt, darüberhinaus befindet sich hier ein jüdisches Kulturzentrum.

Blick auf die Weichsel
Blick auf die Weichsel

Das Thema des Holocausts begleitete uns auch am nächsten Tag noch weiter, als wir am Vormittag das KZ in Auschwitz besichtigten, was auch nicht weit von Krakau entfernt liegt. Ich möchte auch nicht viel darüber schreiben, man kann es sowieso kaum in Worte fassen. (Meine Kamera habe ich auch im Bus gelassen.) Nur so viel möchte ich sagen, dass ich es jedem wirklich empfehlen kann, dort einmal hinzugehen. Kein Buch, Film oder Vortrag kann ein Besuch ersetzen.

Den Nachmittag war dagegen entspannter, wir haben uns mit Leon getroffen, der wie Christof auch aus Markgröningen kommt. Er macht gerade in Krakau einen internationalen Jugendfreiwilligendienst und arbeitet dabei in einer Kirche. Wir haben einen schönen Nachmittag  verbracht (mit polnischer Küche) und sind abends noch hoch zur Burg gelaufen. IMG_7068

IMG_7072Einen Abstecher auf einen Friedhof war auch noch drin (ja, auf einen Friedhof).In Polen (wie auch in der Slowakei) wird Allerheiligen sehr hochgehalten und alle Menschen strömen auf die Friedhöfe um eine Kerze auf die Gräber der Verstorbenen zu stellen – aber vor allem um die Lichterpracht zu bewundern

IMG_7087Wir waren zwar einen Tag zu spät, aber es war dennoch noch viel los. Den Abend ließen wir in diversen Cafes ausklingen.

Nachtleben in Krakau
Nachtleben in Krakau

Am Dienstag nahmen wir an einer weiteren Free Walking Tour teil, diesmal aber durch die Altstadt. Man muss einfach sagen, das Krakow eine wunderschöne Stadt ist – und wie beschrieben auch sehr gut erhalten.Bei dieser Tour haben wir unter anderem eine Brasilianerin und einen Kanadier kennen gelernt, mit denen wir spontan noch den restlichen Tag verbracht haben. (Unter anderem in dem Schindler-Museum, dass sich auf dem Gelände der ehemaligen Schlindler Fabrik befindet. Ebenso sehr empfehlenswert, da die Dauerausstellung nicht nur über Schindler berichtet sondern hauptsächlich mit vielen sorgfähltig gewählten Quellen die deutsche Besetzung Krakaus darstellt.)

Abends um 9 ging dann wieder unser „Bus“ zurück, diesmal waren wir die einzigen Gäste (diese Fahrt kann sich für das Unternehmen einfach nicht lohnen, wir haben vielleicht gerade so den Sprit wieder reingebracht… Allenfalls war sie sehr komfortabel.)

In der Wohnung angekommen und Computer hochgefahren, stelle ich fest, dass die Brasilianerin, mit der wir praktisch den ganzen Tag verbracht hatten, an diesem Tage Geburtstag hatte! Das war sehr kurios, da ich von nichts wusste und auch nichts geahnt hatte. Ich hab ihr dann noch 5 Minuten vor Mitternacht gratuliert…

Alles in allem war der Trip nach Krakau ein sehr gediegener – geschuldet der sehr entspannten Reise, einem sehr günstigen und guten Hostel, den vielen netten Menschen und selbstverständlich der wunderschönen Stadt.

2 Gedanken zu „Krakau – Benjamin“

  1. Vielen Dank für den interessanten Bericht über Krakau. Wir waren vor einigen Jahren auch auf einer Studienreise über Breslau, Krakau, Auschwitz, Hirschberg und Prag ebenfalls dort und haben einen polnischen Reiseführer gehabt, der auch in Berlin studiert hat. Es waren auch sehr viele „Vertriebene“ dabei, die von dort stammten und zum ersten Mal wieder ihre Heimat sahen, die die meisten als Kinder oder Jugendliche verlassen mussten. Da erfuhren wir so manche tiefergreifende Lebensgeschichte. Und Krakau hat uns auch sehr beeindruckt. Wir waren u.a. auch im jüdischen Viertel und auf der Burg und haben bemerkt, wie sehr den Polen ihr Papst ihnen wieder eine Würde verliehen hat. Er hing per Bild allüberall, auch im Bus. Und wer in Auschwitz war, weiß um unsere große deutsche Schuld und ist nur tief erschüttert. Und die wunderbare Stadt Krakau mit dem internationalen bunten Leben, auch von vielen Studenten aus aller Herren Länder, gehört seither für uns zu den schönsten, lebendigsten und aufstrebenden Städten, die wir erleben durften. Wir freuen uns mit Euch, dass Ihr Krakau kennenlernen und mit vielen Menschen Kontakt aufnehmen konntet. Nur im gegenseitigen Verständnis und Respekt kann auf der Welt mit Gottes Hilfe Frieden herrschen!

  2. Ohh man, das hört sich ja wirklich nach einem gelungenen Ausflug an! Ich finde es faszinierend, wie viele neue Leute ihr in so kurzer Zeit kennengelernt habt!
    (außerdem gefällt mir dein Schreibstil, liest sich sehr angenehm 🙂 )

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